von Mumien, DNA und Gesichtsrekonstruktionen
Eigentlich hat Archäologie nahezu immer einen forensischen Charakter, geht es doch bei Ausgrabungen und Untersuchungen von Artefakten grundsätzlich darum, Spuren zu sichern, Zusammenhänge und Ereignisse möglichst präzise zu rekonstruieren, Identitäten, Verwandtschaftsverhältnisse, Todesursachen - beispielsweise bei Grabfunden - festzustellen. Und nicht zuletzt das weite Feld der Chronologie, um Tat- bzw. Ereigniszeitpunkt der Geschehnisse am Fundort so genau wie möglich zu ermitteln. Letztendlich könnte man natürlich auch einfach von wissenschaftlicher archäologischer Spurensuche bzw. –analyse - die sich natürlich auch gerichtsmedizinischer und kriminaltechnischer Methoden bedient - reden. Das klingt aber weit weniger aufregend, als die spannungsgeladenen Begriffe „Forensik“ oder „Kriminaltechnik“.
Die folgenden Beiträge über Mumien, Amazonen, Bootsmänner oder Pferde zeigen aber, dass man den Begriff „Forensik“ wohl weniger wegen der – den Themen ohnehin innewohnenden – Spannung bemühen muss. Der Begriff Forensik verspricht vor allem mehr Aufmerksamkeit für die nur scheinbar trockene Archäologie. Einige der Beiträge finden sich auch in meinem Buch "Kulturgeschichtliche Aspekte zur Archäologie".
Der Bootsmann der Mary Rose
Die genauen Zusammenhänge und Ursachen des Untergangs der Mary Rose, Flaggschiff Heinrich VIII sind noch immer nicht gänzlich geklärt. Darüber, warum die Luken offen standen, wird immer noch gerätselt. Und so ist auch die am 11. Februar 2010 vorgenommene Enthüllung der Gesichtsrekonstruktion des Bootsmannes der Mary Rose im Mary-Rose-Museum des Portsmouth Historic Dockyard Anlass für neue Spekulationen.
Dass es sich bei dem Kopf, der auf der Basis eines aus dem Wrack geborgenen Schädels rekonstruiert worden ist, um den Bootsmann handelt, steht außer Frage. Immerhin wurde bei den Überresten ein eindeutiges Indiz für seine Stellung an Bord gefunden, die Bootsmannspfeife. Bei der forensischen Analyse der Überreste des Bootsmannes kamen noch weitere Informationen zu Tage, die dem Opfer der Mary Rose- Katastrophe, eines von mehr als 500, auch im übertragenen Sinne ein Gesicht verleihen.
Skythische Mumien
In den Gräbern der sogenannten Pazyryk-Kultur in der heutigen Mongolei haben sich erstaunliche Mumienfunde ergeben, die in der Fachwelt für einige Überraschung sorgten.
Als die russische Archäologin Natalja Polosmak 1993 auf dem Ukok-Plateau im Altaigebirge die sogenannte Lady, eine mumifizierte „Prinzessin“ aus der Pazyryk-Kultur, entdeckt hatte, war eine neue Epoche der Erforschung der skythischen Kurgankultur jener Region angebrochen. Der Fundort der vermutlichen Schamanin befindet sich an strategisch bedeutender Stelle.
Mumien in Ozeanien
Vor allem die Ahnenverehrung führte in Ozeanien von Neuseeland, Mikro- und Melanesien bis nach Polynesien zu den verschiedensten Formen der Konservierung Verstorbener.
Mumien erwartet man vor allem im alten Ägypten. Tatsächlich ist die Konservierung oder Teilkonservierung Verstorbener aber weltweit verbreitet. Neben den ägyptischen Mumien dürften wohl die ozeanischen Schrumpfköpfe am Bekanntesten sein. Immerhin werden diese nicht nur gerne in den Völkerkundemuseen dieser Welt ausgestellt, sondern haben oft auch eine enge Beziehung zum Kannibalismus.
Mumien – Das Buch zur rem-Sonderausstellung
Eines der wohl komplettesten Werke zum Thema Mumien ist 2007 als Begleitband der spektakulären Sonderausstellung „Mumien“ in den Reiss-Engelhorn-Museen entstanden.
Selbstverständlich beinhaltet der Band 24 der Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen (rem) in Mannheim mit dem Titel „Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“ auch ein Kapitel über die ägyptischen Mumien, die ägyptische Mumifizierungstechnik und den Totenkult. Und auch Ötzi, der Gletschermann und die prominenten Moorleichen dürfen bei der Bearbeitung dieses Themas natürlich nicht fehlen. Aber das Buch ist wesentlich mehr, als nur eine umfassende Bestandsaufnahme von historischen Mumifizierungstechniken und Mumienfunden.
Die Mumifizierungstechniken der Natur
Die Mumifizierung von Organismen ist nicht auf menschliche Eingriffe angewiesen, es gibt auch ein breites Spektrum an natürlichen Mumifizierungsmechanismen.
Allen natürlichen Mumifizierungsprozessen ist eines gemeinsam: die Zersetzung des Körpers durch körpereigene Enzyme und der bakterielle Prozess der Fäulnis müssen aufgrund spezieller Umweltbedingungen gestoppt bzw. unterbunden werden. Zudem muss der Organismus diesem die Mumifizierung fördernden Milieu ausreichend lange ausgesetzt sein.
Basiswissen Archäologie
Eine deutschsprachige Version der britischen „Archaeological Essentials“ liefert der Verlag Philipp von Zabern mit der 2009er Neuerscheinung „Basiswissen Archäologie“.
Eine inhaltlich so breit angelegte Darstellung zu Theorien, Methoden und Praxis der Archäologie und dann auch noch auf dem Neuesten wissenschaftlichen Stand, war im deutschsprachigen Raum längst überfällig. Schließlich wächst hier nicht erst seit dem Varusjahr das Interesse für Archäologie ständig. „Basiswissen Archäologie“ kann durchaus dazu beitragen, dass auch das Verständnis der Archäologie und die Fähigkeit zur Bewertung der archäologischen Präsentationen, Interpretationen und „Sensationen“ bei den interessierten Laien und Medien mit dem wachsenden Interesse mithält.
Gesichtsrekonstruktion einer skythischen Amazone aus dem Altai
Mit der Schädelrekonstruktion der Kriegerin aus dem Altai-Gebirge bestätigt das Historische Museum Pfalz die europäische Herkunft der skythischen Amazone.
Seit 1990 ist das Gräberfeld von Ak-Alacha im Hochland des Altai-Gebirges eine archäologische Fundgrube. Zu den spektakulärsten Funden gehörte die Bestattung einer etwa 2500 Jahre alten bewaffneten Reiterkriegerin, deren Ausstattung durch den konservierenden Dauerfrost erhalten geblieben war. Die etwa 16jährige Frau, die zusammen mit einem Mann und neun Pferden im unter dem sogenannten Kurgan – einem Grabhügel – bestattet war, gilt derzeit als östlichster Beleg für skythische Reiterkriegerinnen.
Die Römerschlacht am Harz
Es war ein Glücks- aber kein Zufall, dass die Entdeckung des Schlachtfeldes am Harzhorn in der Nähe des niedersächsischen Kalefeld historisch und archäologisch so aufregend ist. Als nämlich im Sommer 2008 der Northeimer Kreisarchäologin Dr. Petra Lönne römische Fundstücke zur Begutachtung übergeben wurden, reagierte sie sofort und veranlasste eine sofortige Abschirmung des Fundortes von der Öffentlichkeit und eine ausgiebige Prospektion des Geländes mit Metalldetektoren.
Es ist aber nicht die Zahl der bislang rund 800 Fundstücke oder die Ausdehnung des Schlachtfeldes von rund 2000 Metern Länge, die diese archäologische Stätte zu etwas Besonderem machen. Es ist vielmehr die Tatsache, dass aufgrund der schnellen Reaktion der Bezirksarchäologin und der Kooperation von Archäologie, Verwaltung und Politik eine geradezu ideale archäologische Situation vorgefunden wurde. Die Artefakte lagen noch so im Boden beziehungsweise an der Oberfläche, wie sie vor rund 1800 Jahren dort hinterlassen worden waren.
Das Mumienforschungsprojekt der Reiss-Engelhorn-Museen
Die spektakuläre Wanderausstellung “Mumies of the World”, mit der seit Mitte 2010 rund 70 Mumien aus der ganzen Welt durch die USA reisen, geht auf eine Initiative der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zurück.
Als 2004 die Depots der Reiss-Engelhorn-Museen (rem) in Mannheim umstrukturiert wurden, erwartete die Mitarbeiter des Hauses eine geradezu sensationelle Überraschung. 20 „vergessene“ Mumien unterschiedlicher Herkunft tauchten in den Tiefen der Lager wieder auf und stellten Sammlungsleiter und Restauratoren vor einige Rätsel.
„Elefantenreich“ – Begleitband zur Ausstellung
Mit der Publikation „Elefantenreich“ öffnet das Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt dem Leser eine Zeitkapsel in die menschliche Vorgeschichte.
1994 wurde im Braunkohlerevier Neumark-Nord das Skelett eines eurasischen Altelefanten entdeckt. Inzwischen haben die Wissenschaftler rund 70 Individuen der Rüsseltiere am bereits 1985 von den Baggern angeschnittenen fossilen See identifiziert. Wenn auch die Elefanten den Titel des Begleitbuches „Elefantenreich“ zur gleichnamigen Ausstellung bestimmen, so ist der rund 3,5 Kilogramm schwere Wälzer weit mehr als ein Buch über die Dickhäuter, die vor etwa 200.000 bis 130.000 Jahren die zwischeneiszeitlichen Wälder unserer Breiten durchstreiften.
Anfänge der Pferdehaltung – durch DNA-Analysen datiert
Es ist die Fellfarbe, die etwas über die Domestizierung der Pferde verrät. Denn Pferdehaltung ist natürlich mit Pferdezucht eng verbunden und das heißt Selektion durch den Menschen. Die erste und sicherlich einfachste Selektion überhaupt war die der Fellfarbe. Während ausgefallene Fellfarbmutationen in der Natur kaum Bestand hatten, wenn sie durch entsprechende Unangepasstheit an die Umwelt die Überlebenschancen des Individuums verringerten, war bei der Auswahl durch den Menschen eher das Gegenteil der Fall. Ein weißes Pferd beispielsweise, ein genetischer Versuch der Natur mit wenig natürlichen Durchsetzungschancen, bedeutete für den menschlichen Besitzer etwas Besonderes, eine Möglichkeit sich von seiner sozialen Umwelt abzuheben. Unter menschlicher Obhut war eine besondere Fellfarbe also ein positiver Selektionsfaktor, unter natürlichen Bedingungen in der Regel ein Negativer.
Moora – eine Zeitzeugin der vorrömischen Eisenzeit
Die Überreste der als Moora bezeichneten Toten wurden im Jahre 2000 bei Torfarbeiten im Uchter Moor entdeckt und von der Polizei zunächst für einen neuzeitlichen Leichenfund gehalten. Erst 2005 konnte durch neue Untersuchungen geklärt werden, dass es sich um den Körper einer jungen Frau, die vor etwa 2650 Jahren zu Tode kam, handelt. Inzwischen ist ein ganzes Forschungsprojekt um Moora herum entstanden.
Für die Archäologie ist Moora ein einzigartiger Glücksfall. Denn die Ansammlung aus deformierten Knochen und Hautresten, die ein fast vollständiges Skelett ergeben, stammt nicht nur aus der vorrömischen Eisenzeit und ist damit die älteste in Niedersachsen gefundene Moorleiche, sie stellt auch den ersten niedersächsischen Moorleichenfund in einem archäologischen Zusammenhang seit über 50 Jahren dar.
Die Zähmung des Pferdes
Rätsel um die Domestikation des Pferdes ist gelöst – Ort und Zeit jetzt bekannt, so lautet der Titel einer Pressemitteilung des Forschungsverbundes Berlin e.V.. Tatsächlich war bislang offen, wo und wann genau die Domestizierung des Pferdes stattgefunden hatte. Mit Hilfe der Analyse von Farbgenen sehr alter DNA- Proben, ist es einem internationalen Wissenschaftlerteam nun gelungen, den Übergang des Pferdes vom Wild- zum Haustier auf das 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zu datieren und als Region dieses in seinen kulturgeschichtlichen Auswirkungen geradezu revolutionären Ereignisses, die Ponto- Kaspische- Steppe (heutiges Russland, Kasachstan, Ukraine, Rumänien) fest zu machen.
Vinzenz Brinkmann: Bunte Götter
Eigentlich wusste man schon immer, dass die antiken Skulpturen bunt bemalt waren. Dass sich in den Museen und vor allem den Gipsabgusssammlungen immer noch vor allem die marmorweißen antiken Skulpturen finden, entspricht dem Schönheitsideal des 18. und 19. Jahrhunderts, das bis heute unsere Sehgewohnheiten bestimmt. Langsam aber scheint wieder die Farbe in das Antikenverständnis zurückzukehren, wie der Begleitband zur Ausstellung „Bunte Götter“ belegt.
Das umfangreiche Werk mit den zahlreichen eindrucksvollen Abbildungen farbiger Rekonstruktionen antiker Skulpturen behandelt ausführlich die unterschiedlichsten, aber doch eng zusammenhängenden Aspekte des Themas „Farbigkeit antiker Skulptur“. Denn die Erkenntnis, dass Skulpturen und Friese eben nicht im edlen Marmorweiß die antiken Gebäude und Plätze zierten, ist nicht nur Archäologenwerk.
Die Farben der Antike
Wenn man ehrfürchtig durch die musealen Hallen mit marmorweißen klassischen antiken Skulpturen wandelt, so prägt dies natürlich auch die Vorstellung vom Leben und den Menschen in der antiken Welt. Kaum vorstellbar, dass ausgerechnet die Menschen, die sich offensichtlich an hehrer Kunst, an den vollkommenen Formen der aus edlem Marmor herausgearbeiteten Skulpturen ergötzen konnten, die Urväter unserer Kultur und Künste, verheerende Kriege untereinander führen, Zerstörung und Elend über ihre Mitmenschen bringen konnten.
Aber die Wirklichkeit sah anders aus. Raub, Krieg und Handel gingen Hand in Hand, bildeten die ökonomische Grundlage der Gesellschaft unserer Kulturheroen. Und für die marmornen Skulpturen wurde nicht der edelste, sondern der zweckmäßigste Werkstoff verwendet. Bunt waren die Götter- und Heldenstatuen und die Friese, die die Giebel der Tempel und öffentlichen Bauten zierten, knallbunt sogar.
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